Alone

Es ist Freitagabend, er kippt einen Schnaps während ich an meinem Wasser nippe. Heute keinen Alkohol für mich, denke ich mir, und eigentlich wollte ich auch gar nicht so lang bleiben. Der Geräuschpegel hoch, wir umringt von den anderen unserer Gruppe, allesamt mit einem Bier oder einer obligatorischen Cola in der Hand in Zweiergespräche vertieft, das Restaurant bis auf unseren Tisch mittlerweile nahezu leer um diese Zeit. Er erzählt von Norwegen im letzten Sommer, von seinen tagelangen Märschen allein im Nebel, von Erlebnissen mit Campingkochern, von der unbeschreiblichen Schönheit der Landschaften, durch die er lief, von Einsamkeit und Freiheit. Ich liebe dieses Gefühl, entgegne ich ihm und erzähle davon, dass ich ebenfalls erst kürzlich allein aufgebrochen bin, um auf den Brocken zu wandern. Um den ersten Schnee dieses Winters zu suchen und um ein bisschen zu fotografieren, wie ich es meinen Freunden erzählte, wobei es letztlich wohl doch eher der innere Drang in mir war, der hektischen Großstadt für einen kurzen Moment zu entfliehen, das Gefühl von Freiheit in nahezu menschenleeren Wäldern zu suchen und meine eigenen Grenzen bei Schneefall und Temperaturen um den Gefrierpunkt ein wenig auszutesten, zu überwinden, zu schauen, wie weit ich es allein wohl schaffen würde. Als Frau, die unwahrscheinlich gut darin ist, Brote zu schmieren, Lunchpakete zu machen, besser noch ein zusätzliches Paar Wechselsocken zum Wandern in der Gruppe einzupacken, nasse Füße, man weiß ja nie, aber die nachts allein Zuhause den Fernseher anmacht, nur damit es nicht zu still ist, weil sie Angst hat, Angst vor den Geräuschen, die sie nicht zuordnen kann, die sich beim Joggen vorsichtshalber immer dreimal umdreht, wenn sie im Park an unheimlichen Personen vorbeirennt und die Wegbeschreibungen grundsätzlich anders interpretiert, als sie eigentlich gemeint sind, wie sie so viele Dinge oftmals anders interpretiert als sie eigentlich gemeint sind. Trotzdem wollte ich loslaufen. Und trotzdem bin ich losgelaufen. Die besten Erfahrungen macht man ganz allein, quasi mit sich selbst, entgegnet daraufhin mein Gesprächspartner. Das sei es doch, woran man wächst. Das ist Freiheit, das ist Glück. Wenn man Grenzen überwindet. Dinge tut, die man zuvor nicht für möglich gehalten hätte. Wenn einem niemand die Hand dabei hält, füge ich hinzu. Weil man nur auf diese Art und Weise herausfinden kann, wozu man in der Lage ist, was man kann, wer man ist und wer nicht. Weil man nur auf diese Art und Weise herausfinden kann, was man im Leben möchte. 

Und ich möchte noch so viel mehr.

 


 

It’s that kinda Friday night when he tosses down a schnaps while I’m sipping on my glas of water. No alcohol for me tonight, I think, and I actually planned on leaving the next few minutes. High acoustic level, we sit among the crowd, where everyone is busy both talking and holding on to a beer or a coke instead, the restaurant nearly empty at that time except for our table. He’s talking about Norway where he went to last summer, about his hiking adventures, his long walks through really untouched beautiful nature, about feeling loneliness and absolute freedom at the very same time. I love this feeling, I reply, and tell him that I recently went hiking in the Harz Mountains all by myself. In order to search this upcoming winters‘ very first snow and to take some photos with my new camera as I told my friends. To be completely honest it was actually more an inner compulsion to escape the noise and bustle of the big city, to search for that feeling my dialog partner just described a few minutes ago, to test my own limits, to cross them, to surpass my own expectations, how far can I make it, how far will I make it all alone in the heart of nature while snowfall and temperatures around freezing mark. As a woman who’s incredibly good at preparing sandwiches, packing another pair of socks for the case of cold feet when it comes to getting ready for a hiking day in a group, but who’s remarkably insecure when it comes to other things, the girl who turns on the TV at home at night, because she’s afraid of too much silence and sounds that don’t feel trusted to her, who turns around at least three times when jogging and passing by strangers that seem creepy to her and who interprets directions mostly different from what they actually meant to say, as she usually interprets quite a lot of things different from what they actually meant to be. Nevertheless I wanted to start my hike. So I started it. The best experience is the one you make all by yourself, my dialog partner answers. This is what makes you grow. This is freedowm, this is luck. Crossing borders and limits you never thought you could challenge. When nobody is holding your hand, I add, because this is the only way you find out, what’s your possibilities, who you are and who you are not. Because this is the only way you find out what you want in life.

And I want so much more. 

 

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photo credit @schirm.pix

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