Memory minutes

Ein desaströses Date – ein Gedächtnisprotokoll

„Bist du eher naiv oder dominant?“, fragte er mich als ich gerade an meinem Wein nippte. Ich schaute ihn an, mit diesem Blick, der von Verwirrung und Unbehagen sprach. „Wie bitte?“, fragte ich zögerlich, obwohl ich die Frage akustisch durchaus gut verstanden hatte. „Ich weiß, ich polarisiere“, fuhr er fort und lachte. Ich schwieg, nickte milde lächelnd und nahm noch einen Schluck Wein. „Bist du politisch?“, fragte er mich. „Ich würde mich als linksliberal einschätzen, und als Sozialist, aber ein bisschen narzisstisch bin ich wohl auch“, fuhr er fort. „Ich glaube, das ist ein Joint“, meinte er plötzlich, als ein Ruderboot an uns vorbeizog, dessen Insassen er musterte. „Du nimmst keine Drogen?“, fragte er. „Äh, nein“, entgegnete ich entgeistert. „Hm“, antwortete er enttäuscht, „Noch nie etwas genommen, hast du kein Laster?“ „Nichts in dieser Hinsicht“, erwiderte ich, „Nein“ „Achtung jetzt öffne ich mich dir schon wieder“, sprach er, unter anderem als Anspielung darauf, dass ich ihm auf seine Fragen, die nach meiner Lieblingsstellung und zur Anzahl meiner bisherigen Sexualpartner zuvor die Antwort verweigert hatte, „Ich bin im Kinderheim groß geworden, ohne Liebe, und eine richtige Beziehung habe ich in meinem ganzen Leben noch nie geführt, zumindest habe ich es niemals so empfunden“, fuhr er fort. „Du bist ein sehr emotionaler Mensch, kann das sein?“, fragte er mich. „Ja, schon“, erwiderte ich und sah wie er begann mit den Augen zu rollen, bevor er erneut in einen Monolog verfiel, Dürrenmatt zitierte und mir zahlreiche Male ins Wort fiel um meinen Ausdruck zu korrigieren. „Der Wein ist leer, wollen wir vielleicht auf deinen Balkon umziehen?“, fragte er mich. „Ähm, ich kenn dich doch kaum, ich möchte das nicht“, entgegnete ich ihm. „Du bist spießiger als ich dachte, ich verspreche dir auch, ich rühr dich nicht an“, sagte er. „Nein“, antwortete ich erneut, „ich möchte das nicht“. „Du bist screepy“, entgegnete er. „Screepy?“, fragte ich nach. „Ja, seltsam, creepy eben“, erklärte er seine Wortneuschöpfung. „Dito“, konterte ich kühl. „Aber ich sag dir jetzt mal was“, äußerte er sich erneut, „du bist wirklich attraktiv, vielleicht pusht das ja dein Ego zumindest noch ein bisschen“ „Danke“, antwortete ich emotionslos und mit verwirrtem Stirnrunzeln, blickte starr in Richtung Wasser und Ruderboot und schenkte dem letzten Schluck Wein in meinem Becher deutlich mehr Beachtung als ihm. „Na toll, ein Danke, also ich hatte mir jetzt eine andere Reaktion erhofft“, äußerte er sich brüskiert, während ich derweil mit meinem Gesichtsausdruck kämpfte, der mir langsam aber sicher zu entgleiten schien. „Der Wein war wirklich teuer, 5,00 €“, äußerte er sich erneut. „Ich kann dir Geld dafür geben“, entgegnete ich unbeeindruckt und starrte weiterhin in die Ferne. „Lass uns zusammen packen“, sagte ich schließlich zu ihm und begann die Picknickdecke auszuschütteln, die er mitgebracht hatte, während er fortwährend darüber schimpfte, wie dreckig sie doch geworden wäre. „Das tut mir sehr leid“, antwortete ich unterkühlt-diplomatisch. Ein Stück gingen wir noch in dieselbe Richtung, ich schwieg, in der Hoffnung, dieser Weg würde ein leichter sein und Xavier Naidoo würde nur dieses eine Mal unrecht behalten. „So nah“, sprach mein Date so vor sich hin, als wir feststellen mussten, dass wir nur wenige hundert Meter voneinander entfernt wohnen. „Und doch so fern“, fügte ich unmittelbar hinzu und mir wurde bewusst, dass Xavier Naidoo tatsächlich recht behalten sollte. „Was ist denn nun deine Lieblingsstellung?“, fragte er mich auf diesen letzten Metern erneut. „Ich glaube, darauf muss ich nicht antworten“, entgegnete ich ruhig, woraufhin er lautstark anfing zu lachen während er sein Fahrrad neben mir herschob. „Genau mit dieser Reaktion habe ich gerechnet“, sagte er, „du bist wirklich so berechenbar“

„Ich muss da vorne links abbiegen“

„Okay, alles Gute“

„Alles Gute“

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